05. April 1815 in Preußen

05. April 1815 in Preußen

Heute vor 206 Jahren

„Ich trete mit Vertrauen unter euch, gebe euch eurem deutschen Vaterlande, einem alten deutschen Fürstenstamme wieder und nenne euch Preußen.“ Mit zwei königlich-preußischen Besitzergreifungspatenten übernimmt der preußische König Friedrich Wilhelm III. am heutigen Tag die Herrschaft über die Gebiete der späteren „Rheinprovinz“ und macht sie zu einem Teil des preußischen Königreiches. Dies ist das Ergebnis verschiedenster Verhandlungen auf dem Wiener Kongress 1814/15. Der preußische Staat richtet seinen Blick damit auf den westlichen, deutschsprachigen Raum und weniger auf den östlichen Raum. 

Das Gebiet von Saarbrücken bis Cleve, in dem große Städte wie Köln, Düsseldorf, Duisburg, Mönchengladbach, Bonn, Essen, Aachen, Koblenz und Trier liegen, ist gewaltig. Es ist so groß wie Württemberg und Baden zusammen. König Friedrich Wilhelm III. hat wohl kaum ahnen können, welch unübersehbare Konsequenzen für die wirtschaftliche und politische Entwicklung Preußens und Deutschlands dies haben würde. „Die Versetzung Preußens an den Rhein ist eine der fundamentalen Tatsachen der deutschen Geschichte, eine der Grundlagen der Reichsgründung von 1866/1871. Mit der Rheinprovinz war (…) die Spaltung [Preußens] in eine Ost- und Westhälfte, neu befestigt und schärfer als je zuvor ausgeprägt“ (Thomas Nipperdey). Preußen wird in der Aufgabe, seine beiden großen Landmassen zu integrieren und zusammenzufügen, seine gesamtdeutsche Mission entdecken. Vor der napoleonischen Ära mit dem Ende des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, Mediatisierung und Säkularisation und einer Fülle von territorialen Umgestaltungen, verteilte sich das spätere Gebiet der Rheinprovinz auf vier Reichskreise: den Burgundischen, Kurrheinischen, Niederrheinisch-Westfälischen und Oberrheinischen Kreis, in denen über 50 Territorien existierten, mit ebenso vielen Landesherren. In den Verhandlungen von Wien war es eigentlich eine britische Idee gewesen, Preußen diesen breiten Landstreifen entlang des Rheins zu vermitteln, damit es Österreich als „Wächter“ an der nordöstlichen Grenze Frankreichs ablösen könne. Die Angliederung ist aber auch eine Hypothek für Preußen.

Die kulturelle, wirtschaftliche und politische Eingliederung der Rheinprovinz verläuft keinesfalls reibungslos. Viele Einwohner der neuen Gebiete fürchten den Verlust des „Rheinischen Rechts“, orientieren sich Richtung Frankreich, sind zudem katholisch und sehr selbstbewusst angesichts der hier fortgeschrittenen Industrialisierung. So gibt es viele Vorbehalte gegen die neue Obrigkeit. Mit ihrer großen und selbstbewussten städtischen Mittelschicht bringt die Rheinprovinz ein Element der Unruhe und des Aufruhrs in das Königreich (Christopher Clark). Aber auch viele positive Aspekte: Die Rheinprovinz wird mehr und mehr zum Motor der Industrialisierung in Deutschland und Preußen wandelt sich vom eher agrarisch geprägten Staat zur stärksten deutschen Wirtschaftsmacht. Und das, obwohl der wirtschaftliche Aspekt bei den Verhandlungen in Wien noch nicht mal eine besondere Rolle gespielt hatte. Die Widerstände bei der Einführung des preußischen Landrechts sind so groß, dass Preußen auf die Durchsetzung verzichtet. Und auch das verändert Preußen – der neue Gesetzeskodex von 1848 ist später stärker an das rheinländische System angelehnt als an das friderizianische Rechtsverständnis. So wird der heutige Tag für die Menschen der Rheinprovinz wie für das Königreich Preußen von grundlegender Bedeutung sein.

Quelle: https://www.preussen.de