18. Januar 1871 in Versailles

18. Januar 1871 in Versailles

Heute vor genau 150 Jahren

Im Spiegelsaal von Versailles findet die Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser statt. Der kurze, aber hoch symbolische Akt schließt die Entwicklung der vorhergehenden Jahre ab: Angefangen mit dem deutsch-deutschen „Bruderkrieg“ von 1866, nach dem Österreich aus der weiteren Entwicklung in den deutschen Staaten ausscheidet, der nachfolgenden Gründung des deutschen Bundes und seiner Erweiterung um die süddeutschen Staaten während des Krieges gegen Frankreich, welcher militärisch bereits Anfang September 1870 in Sedan praktisch entschieden war. Kaiser Napoleon III. ging in Gefangenschaft. Die Verfassung des Deutschen Reiches trat nach dem Zustandekommen der Novemberverträge bereits zum 1. Januar 1871 in Kraft – es bedurfte aber eines besonderen Momentes, in dem sich die Gründung des neuen Nationalstaates manifestieren und die nationale Begeisterung vieler Deutscher ihren sichtbaren Ausdruck finden konnte. Die zeitgenössischen, wie aktuellen Beurteilungen des Vorgangs gingen und gehen weit auseinander, was seine hohe Bedeutung für die preußische und deutsche Geschichte zeigt: „Ein eigenartiger Vorgang“ (Golo Mann) , „Reichsgründung von oben“, „Genial aber gleichzeitig paradox! Preußen als Reichsgründer“ (Sebastian Haffner). Die alten Forderungen der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49 wurden an diesem Tag erfüllt – aber unter völlig anderen Voraussetzungen. Einer der größten Skeptiker freilich war interessanterweise König Wilhelm I. von Preußen selbst. Er sah seine hohe Verantwortung und gleichzeitig befürchtete er das völlige Aufgehen des Königreiches Preußen in Deutschland. „Kaiser“ und „Reich“ bedeuteten für ihn wörtlich den „Abschied von Preußen“ und er befürchtete, „das preußische Königtum zu Grabe“ zu tragen – und das auf den Tag genau 170 Jahre nach seiner Gründung in Königsberg. Er dachte sogar an eine Abdankung zugunsten seines Sohnes Friedrich. Zudem herrschte Uneinigkeit über die Titelfrage. Diese offene Frage jedoch konnte der badische Großherzog bei der Proklamation mit dem Ausruf eines Hochs „auf seine Majestät, Kaiser Wilhelm“ elegant umgehen. Zuvor hatte bereits König Ludwig II. von Bayern seine Zustimmung signalisiert und im „Kaiserbrief“ von Hohenschwangau zu Papier gebracht. Wenn auch widerwillig, weil er um die Souveränität Bayerns fürchtete.

In den bürgerlichen und liberalen Kreisen Deutschlands war die bereits im Umfeld der napoleonischen Kriege entstandene nationale Idee aber weit verbreitet und so wird der heutige Tag schnell zu einem besonderen Feiertag im Deutschen Reich. Im Bewusstsein der Deutschen blieb die heutige Kaiserkrönung der eigentliche Akt der Reichsgründung. Die visuelle Erinnerung ist bis heute geprägt durch das monumentale, 7 auf 4 Meter große Gemälde von Anton von Werner, von dem allerdings heute nur noch die dritte Fassung existiert – ein Geschenk an den „Architekten“ der Reichseinigung zu dessen 70. Geburtstag, an Otto von Bismarck.

Quelle: https://www.preussen.de/