22. September 1862 in Potsdam

22. September 1862 in Potsdam

Heute vor 159 Jahren

Als der preußische Botschafter, kurz zuvor von einer fünfundzwanzigstündigen Bahnfahrt aus Paris eingetroffen, in das Audienzzimmer des Königs in Schloss Babelsberg geführt wird, liegt dessen Abdankungsurkunde bereits fertig auf dem Tisch. Der König bekräftigt seinen Beschluss mit den Worten: „Ich will nicht regieren, wenn ich es nicht so vermag, wie ich es vor Gott, meinem Gewissen und meinen Untertanen verantworten kann. Das kann ich aber nicht, wenn ich nach dem Willen der heutigen Majorität des Landtags regieren soll und ich finde keine Minister mehr, die bereit wären, meine Regierung zu führen (…).“ Nach einer kurzen Unterredung gibt der Gast seine Zusage, als Ministerpräsident Preußens zu fungieren und König Wilhelm I. erklärt schließlich: „Dann ist es meine Pflicht, mit Ihnen die Weiterführung des Kampfes zu versuchen, und ich abdiziere nicht.“

Die weitere Besprechung findet bei einem Spaziergang im Park von Babelsberg statt. Ob das Ernennungsgespräch tatsächlich so abgelaufen ist und die Worte des Königs tatsächlich in dieser Weise fielen, ist schwer überprüfbar. Otto von Bismarck ist sich in seinen „Gedanken und Erinnerungen“ jedoch sicher. Die weltgeschichtliche Bedeutung des 22. Septembers 1862 liegt in der Tatsache, dass König Wilhelm I. den „treuen Gefolgsmann“ Bismarck nach der Unterredung zum preußischen Ministerpräsidenten und Außenminister ernennt und darauf verzichtet, den neuen Regierungschef auf ein politisches Programm festzulegen, ihm freie Hand gibt, den preußischen Verfassungskonflikt, mit welchen Mitteln auch immer, beizulegen.

Quelle: https://www.preussen.de