27. Januar 1859 in Berlin

27. Januar 1859 in Berlin

Heute vor 162 Jahren

Vor dem Berliner Kronprinzenpalais Unter den Linden gibt es begeisterten Jubel angesichts der sehnlichst erwarteten Geburt des Thronfolgers, des späteren Königs von Preußen und Deutschen Kaisers Wilhelm II. Wie üblich wird die Geburt durch Salutschüsse verkündet. 25 Schüsse für eine Prinzessin, 101 für einen Prinzen. Beim 26. Kanonenschuss brandet der Jubel auf – ein Thronfolger ist geboren. Doch drinnen, im Kronprinzenpalais, spielten sich dramatische Szenen ab. In der Nacht zuvor hatten bei der 18jährigen Prinzessin Victoria die Wehen eingesetzt. Der Leibarzt des Prinzenpaares, Dr. August Wegner sowie der rasch hinzugezogene Direktor der Universitäts-Frauenklinik Professor Eduard Arnold Martin stellen allerdings eine Steißlage des Kindes fest. Die Prinzessin litt unter starken Schmerzen und schließlich muss das Kind in einer durch Chloroform herbeigeführten Vollnarkose entbunden werden.

Moderne medizinische Errungenschaften wie Bluttransfusionen, Infusionen, PDA, entsprechende Hygienemaßnahmen oder OP-Techniken stehen natürlich Mitte des 19. Jahrhunderts nicht zur Verfügung. Ein Kaiserschnitt war bereits für Mutter und Kind eine extrem gefährliche Möglichkeit geworden. Bei der komplizierten und auch in der gewählten Vorgehensweise lebensgefährlichen Entbindung wird wegen der Armhaltung des Kindes das Armnervengeflecht in der Achselhöhle beschädigt, was man erst zwei bis drei Tage nach der Geburt bemerkt, da das Kind den Arm nicht bewegt. In den folgenden Monaten und Jahren werden verschiedene, z.T. sehr fragwürdige Methoden angewendet, um die Entwicklung des gelähmten Armes zu fördern. Einzige Folge dieser Bemühungen ist allerdings, dass der junge Prinz gequält wird. Trotz seiner Einschränkung gelingt es dem späteren Kaiser, sich das Reiten beizubringen.

In den Zeitungen der kommenden Tage werden selbstverständlich keine Details der Geburt bekanntgegeben. In einem Extrablatt des Staatsanzeigers steht vielmehr: „Ihre Königliche Hoheit die Prinzessin, Gemahlin seiner königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen ist heute um 3 Uhr nachmittags zur Freude seiner Königlichen Hoheit des Regenten (…) im Königlichen Palais hierselbst von einem Prinzen glücklich entbunden worden. Ihren Majestäten dem König und der Königin ist von diesem frohen Ereignis sofort auf telegraphischem Wege Meldung gemacht worden. (…) Die hohe Wöchnerin, so wie der neugeborene Prinz, befinden sich in Höchstem Wohlsein.“

Quelle: https://www.preussen.de