29. März 1890 in Berlin

29. März 1890 in Berlin

Heute vor 131 Jahren

Der Abschied hatte sich angedeutet. Das schwierige Verhältnis zu Kaiser Wilhelm II., der den Wunsch nach einem „persönlichen Regiment“ früh hatte deutlich werden lassen, hat zu mehr und mehr Unstimmigkeiten geführt. Am 17. März 1890 überbrachte der Chef des Militärkabinetts seinem Kanzler, Otto von Bismarck, die Aufforderung, sein Entlassungsgesuch zu verfassen, was Bismarck ausführte. Am 20. März nahm es der Kaiser an. Am heutigen Tag verlässt Otto von Bismarck überstürzt Berlin. Als preußischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler hatte er eine beinahe dreißigjährige Ära preußisch-deutscher Geschichte entscheidend geprägt.

Baronin Hildegard von Spitzemberg, eine Vertraute Bismarcks, stattet ihm am Morgen des heutigen Abreisetages einen Besuch im Reichskanzlerpalais in der Wilhelmstraße 77 ab. Der Nachfolger Bismarcks als Reichskanzler, Leo von Caprivi, hatte bereits vor der Bestätigung des Abschiedsgesuchs Bismarcks durch den Kaiser dessen Dienstwohnung im Reichskanzlerpalais partiell beansprucht. Baronin von Spitzemberg schreibt in ihrem Tagebuch: „Der letzte Besuch in dem historischen Palais: im Vorplatz aufgestapelte Kisten, Packer und Diener in Hemdsärmeln; in den Stuben nur noch die ärarischen [staatlichen] Möbel, sonst alles fort, Bilder, Kunstsachen – leere verrauchte Wände, offene Schränke, auf dem Flügel ein Haufen Visitenkarten neben der weißgelben Mütze des Fürsten [Bismarck] (…). Tränenden Auges stand ich da, als die arme Fürstin erschien, atemlos und vergrämt. Erst als die Fürstin erzählte, der Fürst sei gestern allein nach Charlottenburg gefahren, habe sich das Mausoleum aufschließen lassen und von seinem alten Herrn Abschied genommen, löste sich unser Leid in Tränen.“

Die Abreise Bismarcks und seiner Familie auf sein Gut Friedrichsruh bei Hamburg erfolgt vom Lehrter Bahnhof, an dem sich eine große Menschenmenge versammelt hat. Bismarck wird das später als „Leichenbegängnis erster Klasse“ bezeichnen. Bismarck erscheint, so von Spitzemberg weiter, „im offenen Wagen, (…) totenbleich, in Kürassieruniform“. Die Menge singt „Die Wacht am Rhein“ als schließlich der Zug abfährt. Bismarck wird, noch lebendig, zum Denkmal seiner eigenen Zeit und findet sich nur schwer in seiner neuen Rolle zurecht. Er meldet sich in den folgenden Jahren unablässig zu Wort und bewertet die aktuelle Politik, schwelgt in vergangenen Zeiten, schreibt seine umfangreiche Autobiographie „Gedanken und Erinnerungen“ und kritisiert die Politik von Kaiser und Regierung. Den Charakter seines Nachfolgers, Leo von Caprivi, sieht Bismarck etwa darin gespiegelt, dass dieser die alten Bäume im Garten der Reichskanzlei, Lieblingsbäume Kaiser Wilhelms I., abholzen lässt, nur um ein klein wenig mehr Licht zu bekommen. „Ich würde Herrn Caprivi manche politische Meinungsverschiedenheit eher nachsehen als die ruchlose Zerstörung uralter Bäume, denen gegenüber er das Recht des Nießbrauchs eines Staatsgrundstücks (…) missbraucht hat.“

Quelle: https://www.preussen.de