30. November 1870 in Bayern

30. November 1870 in  Bayern

Heute vor genau 150 Jahren

Hohenschwangau den 30. November 1870: „Allerdurchlauchtigster Großmächtigster Fürst! Freundlich lieber Bruder und Vetter! Nach dem Beitritte Süddeutschlands zum deutschen Verfassungsbündnis werden Ew. Majestät übertragenen Präsidialrechte über alle deutschen Staaten sich erstrecken. Ich habe mich zu deren Vereinigung in einer Hand in der Überzeugung bereit erklärt, daß dadurch den Gesamtinteressen des deutschen Vaterlandes und seiner verbündeten Fürsten entsprochen werde (…).“ Den sogenannten „Kaiserbrief“, unterzeichnet von Ludwig II. von Bayern, dem ranghöchsten deutschen Fürsten nach dem preußischen König, setzt am heutigen Tag Otto von Bismarck in seiner Funktion als Kanzler des Norddeutschen Bundes auf. König Ludwig II. widerstrebt eigentlich eine deutsche Einigung, viel lieber wollte er Bayerns Souveränität und Selbständigkeit erhalten. Doch Bismarck hatte den bayrischen König und sein Land Schritt für Schritt in die deutsche Einigung eingebunden, etwa durch den Zollvereinseintritt Bayerns 1867, den Krieg gegen Frankreich und durch das Gewähren von Sonderrechten in den Novemberverträgen. Der Vorstellung Ludwigs II., die Kaiserkrone turnusmäßig zwischen Berlin und München wandern zu lassen, erteilt er aber eine klare Absage. Ludwig gibt dem Drängen Bismarcks, den vorgeschlagenen Brief leicht verändert zu übernehmen, auch deshalb nach, weil er weiß, dass sonst die in Versailles versammelten Fürsten oder gar der Norddeutsche Reichstag den Antrag stellen würden, Wilhelm I. von Preußen zum Kaiser zu ernennen und damit das Ansehen des bayrischen Königs geschmälert werden würde. Ludwig II. handelt mit klarem Blick auf die politische Lage und lässt sich seine Zustimmung zur deutschen Einheit mit Geldern in Höhe von fast sechs Millionen Mark ab März 1871 vergüten. Dennoch empfindet er nach der Reichsgründung den Verlust der staatlichen Souveränität Bayerns auch als persönliche Kränkungen und Demütigung, fürchtet sich vor einer weitergehenden Einschränkung seiner Rechte. Einzig Otto von Bismarck, der ein einfühlsames Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut hatte und den Ludwig II. als väterlichen Freund schätzt, kann ihm immer wieder glaubhaft versichern, dass das föderative Prinzip im Reich aufrechterhalten werde. Auch im Bayrischen Landtag, der über den Beitritt zum Reich mitentscheidet, dauert die hochemotionale Debatte im Januar 1871 ganze 10 Tage. Schließlich fügt sich Bayern in das Deutsche Reich ein und erlebt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt durch den innerdeutschen Tourismus, einen wirtschaftlichen Aufstieg.

Quelle: https://www.preussen.de/